Ausstellungen seit November 2021

Der KUNSTBEZIRK, Galerie im Gustav-Siegle-Haus Stuttgart

eröffnete im Jahr 2007. Seither gab es ein reichhaltiges Programm an Ausstellungen unterschiedlichster professioneller Stilarten und Gattungen.

Hier finden Sie ein Archiv aller Ausstellungen seit November 2021.

Abb.: Peter Grau © Foto: Peter Grau

Gestern und Heute

Studierende der Klasse Peter Grau

22. April 2022 – 21. Mai 2022

Es sprechen:
Lili Weiß, Förderkreis Bildender Künstler Württemberg e. V.
Horst Peter Schlotter (Einführung)
Prof. Volker Lehnert, AbK Suttgart

Peter Grau (1928 – 2016) war einer der großen Kunstlehrer-Persönlichkeiten der Stuttgarter Kunstakademie. Zu Lebzeiten war er vor allem als virtuoser Grafiker bekannt.
Traum und Wirklichkeit, Menschen- und Tierwelt, Natur- und Geistererscheinungen mischen sich bei Peter Grau auf ganz eigene Art und Weise. Der Zauber seiner Kunst ist ungebrochen und die früher oft als rätselhaft empfundenen Themen mancher seiner Werke erweisen sich als erstaunlich aktuell.

Das Projekt mit seinen Schülern, den „Grauschülern“ soll zeigen, in welcher Weise er seine Sicht der Welt und seine Kunstfertigkeit weitergegeben hat.

Mit:

Rolf Altena • Sabina Aurich • Alfred Bast • Eva Borsdorf • Dr. Sawy Calligari • Cäcilie Davidis • Angelika Flaig • Hansjoerg Frey • CHC Geiselhart • Matthias Gnatzy • Martina Geist • Christine Gläser • Anina Gröger • Andreas Grunert • Ingrid Hartlieb • Johannes Hewel • Konrad Hummel • Ulrike Kirbach • Eckhard Kremers • Werner Lehmann • Bernhard Salzer • Norbert Stockhus • Ines Scheppach • H.P.Schlotter • Klaus-Dieter Schmidt • Wolfgang Uhlig

 

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

Fotos © Heinrich Herbrügger, Gerald Jauß, Herwig Seemann

MYTHOS GRÜN

11. Februar – 26. März 2022

Eröffnung: Freitag, 11. Februar 2022, 19 Uhr mit einer Einführung von Clemens Ottnad M. A.

Fließende Übergänge von Wand zu Boden, von Bildern zu Installationen sind das Eine. Das Andere sind drei unterschiedliche künstlerische Positionen dialogisierend mit dem Raum.

Beteiligte Künstlerinnen:

Claudia Thorban

Sibylle Möndel

Angelika Flaig

Der Begriff des Mythos findet oftmals ganz ambivalente Anwendung. Mal bezeichnet er im positiven Sinn allseits bekannte, die Allgemeinheit und das Alltägliche überragende Erscheinungen oder sogar Personen, mal weist er im negativen auf unglaubwürdige bis falsche Tatsachenbehauptungen, frei Fabuliertes und bloße Ammenmärchen hin. So mag für die einen Marilyn Monroe als Kultfigur ein Mythos sein, während, wenn wir etwas in den Bereich der Mythen verweisen, wir schlicht das von anderen Menschen als wahr und gültig Behauptete bezweifeln oder in Bausch und Bogen verneinen. Wenn nun die drei Künstlerinnen Angelika Flaig, Sibylle Möndel und Claudia Thorban unter dem Titel Mythos Grün zur aktuellen Ausstellung einladen, wird der ein oder andere Besucher möglicherweise zunächst ziemlich überrascht sein. Von wegen „Es grünt so grün …“ – hier werden keine Blüten, Gärten oder Pflanzennatur im herkömmlichen Sinn vor uns ausgebreitet. Ebenso wenig wird der seit den Romantikern des 19. Jahrhundert bis hin zu den Nationalsozialisten gepflegte Mythos des deutschen Waldes voll dunklen Grüns bedient, um die Klischees unberührter Sehnsuchtslandschaften zu befriedigen.

Der Mythos Grün manifestiert sich bei Angelika Flaig, Sibylle Möndel und Claudia Thorban vielmehr in der je eigenen Auseinandersetzung mit Natur und Naturphänomenen, die in der Ausstellung in ganz unterschiedlichen Bildmedien zum Ausdruck kommen: Zeichnung, Malerei, Skulptur, Fotografie, Film, Installationen, Papiere, Leinwand, Glasscheiben, Folien, verschiedene Druckverfahren, Gummi und andere Kunststoffe, also nicht unbedingt Werkstoffe und Materialien, mit denen wir Grünes und Natur gemeinhin assoziieren. Dass sich aber beim Rundgang durch die Ausstellung dennoch umgehend naturhafte Anmutungen einstellen, ist einerseits der subtilen Beobachtungsgabe und Annäherung an die vielfältigen Themen der Natur geschuldet. Andererseits vermittelt sich ein sehr organisch Anwachsendes und damit geradezu Symbiotisches in der Präsentation, als nämlich maßgeblich Angelika Flaig als Künstlerin-Kuratorin die aktuelle Ausstellung der Dreierbande konzipiert und eingerichtet hat. In wechselnden Konstellationen haben die drei Künstlerinnen in der Vergangenheit an verschiedenen Stellen zusammengearbeitet und bilden demnach ein mehr oder minder eingespieltes Team.

So springt denn auch scheinbar mühelos der Funke über, von der einen Arbeit zur anderen, nicht unbedingt in glei endem Grün, eher in zurückgenommener Farbigkeit, immer aber das Moment des Grünen, des in der Natur Entstehen, Wachsen und Vergehens aufgreifend. Die Linie als Baumwurzel, Geäst, Blattstiel oder Grashalm, Grundgerüste eines Fruchtstandes senkt sich aus der Malerei von den Wänden, schwillt an zu skulpturaler Form mitten im Raum, geht über in mehrfach durchscheinende Schichtungen von Formen und Lineament, die halb in den Raum hineinragen, halb zurückgenommen wieder Wand werden.

Die Metamorphosen von Sibylle Möndel weisen dabei in formaler Hinsicht auf Bildverwandlungen in den Zwischenbereichen von Malerei, Fotografie, Siebdruck, Materialarbeit und anderen Darstellungsmedien hin, in inhaltlicher Hinsicht dagegen ebenso auf jene Zwischenräume, in denen sich Mensch und Natur, Natur und technischer Fortschritt begegnen. Dabei muten die von ihr angelegten Gelände, Wege und Wegsysteme – als die die metamorphen Ver stelungen gelesen werden können – doch eher labyrinthisch unwegsam und verwildert an. Trial and Error, Irrweg und Ausweg zugleich, Vor und Zurück – auch im Vergehen von Zeit, dem Speichern, Löschen und wieder  berschreiben eigener Bilder und Erinnerungen.

Wie sich unser eigenes Leben – vielleicht  berleben, menschliche Existenz allgemein – aber im Spannungsfeld von Technik und Natur,  konomischen Zw ngen und sozial vertretbaren Rahmenbedingungen verhält, macht Sibylle Möndel in dem über Eck präsentierten Fries Netzwerk Wald (2018) deutlich. Die digitale Zahlenwelt von je Null und je Eins – Entweder Oder – drängt in dichten Zeilen, Texten und Kolonnen die nur noch spärlich vorhandene Landschaft fast völlig in den Hintergrund. Die vereinzelt sichtbaren Baumskelette erinnern höchstens noch an die Folgen unsinnigster Flächenbombardements zurückliegender Kriegsepochen oder an das verheerende Waldsterben unserer Zeit. Selbst wenn die langen Zahlenreihen von Null und Eins uns auch daran erinnern m gen, dass wir frei darin sind, Entscheidungen für die Natur oder aber gegen sie zu treffen.

Ganz bewusst verzichtet dagegen Claudia Thorban auf die Datierung ihrer Arbeiten. Über die Jahre hinweg wächst ihr Werk an, ältere Arbeiten verbinden sich mit aktuellen, verändern in veränderlichen Kontexten ihre Wirkung, je nachdem, in welchen Räumen sie gezeigt werden, in welchen Kombinationen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, unter welchen Sichtweisen sie kuratorisch ausgewählt und präsentiert werden. In diesem fortwährenden Kontinuum von Raum und Zeitbreiten sich ihre urzeitlichen Farne, Seerosen, Eichenblätter als Digitaldrucke über Acrylgl ser aus, ganz und gar Natur, lebendig in Bewegung, nirgendwo Stillstand und zugleich doch auf industrielle Werkstoffe und Herstellungsverfahren zurückgehend.

Schier undurchdringliche Dschungel entstehen bei Claudia Thorban dort, wo Gläser, teils farbig gefasste, in dichter Abfolge leicht versetzt hintereinander gestaffelt vor die Wand gelehnt erscheinen und „neue Blicke“ (wie es die Künstlerin selbst formuliert) herausfordern. Wie in den zusammengerollten bedruckten Kunststofffolien ergeben sich ununterscheidbare Überschneidungen von Form und Linie, Eines geht ins Andere organisch über. Linie wird Blattstiel, das Blatt Teil der Erde, der dunkelschwarze Schatten die Ahnung eines Tiers, und zuletzt doch wieder konkret fassbar ein farbschillernder Rosenk fer, der – unversehens riesenhaft geworden –aus seinem bodenlosen, weil gläsernem Bildareal herauszukrabbeln droht.

Und da ist es dann doch zu sehen, das Grün! Es schwappt gewissermaßen über, zu den Arbeiten von Angelika Flaig, verspannt grün die große Fotoarbeit gleich am Eingang des Ausstellungsraumes eines wie in einen Kokon eingehüllten menschlichen Körpers mit den kleinteiligen Dryaden , die auf eine Performnace der Künstlerin zurückgehen und zu denen eigens Kompositionen von Matthias Schneider-Hollek entstanden sind, mit der Filmarbeit der Künstlerin im hinteren Darkroom. Das intensiv aufleuchtende Grün aber, das uns hier vermeintlich unbändiges Naturwachsen zu vermitteln versucht, geht – wie häufig bei Angelika Flaig – auf in der Industrie gebräuchliche Arbeitsmittel zurück, im vorliegenden Fall auf handelsübliche Baustellennetze. An und für sich zu Sicherungszwecken gedacht, verfängt sich der Körper darin, Schwebezustände zwischen Sich Einspinnen und Verpuppen und der Verwandlung in einen völlig anderen Wesenszustand. Selbst noch das seelenlose Gerippe einer Hochhausarchitektur – wie in der filmischen Inszenierung im hinteren Raum zu sehen – entwickelt eine leise schwingende Poesie, wenn sich jene Baustellennetze ihrer eigentlichen Funktion entledigen und vom Wind hoch in die Luft gewirbelt werden: Maschinenwelt und Menschenwelt verweben sich.

So in die Arbeit von Angelika Flaig eingesehen, verwundert es beim Rundgang durch die Ausstellung nicht mehr sonderlich, die Anwesenheit von Natur und Pflanzen gerade in ihrer Abwesenheit wahrzunehmen, im Spannungsfeld von – wie sie es selber sagen würde – „gewollter und von ungewollter Form“. Ein Blumenmeer aus vernutzten Fahrbahnmarkierungen, ja gar ein Nachtgarten aus glänzend schwarzen Gummiabfällen entsteht, die insektengleichen Gebilde wieder den Kreis zu den punktuell aufgerasterten Waldbildern Sibylle Möndels und den Getieren von Claudia Thorban schließend.

Nicht umsonst hat Angelika Flaig im Vorfeld dieser Ausstellung über den Mythos Grün mit Philipp Otto Runge (1777–1810) doch noch auf Bildbeispiele aus der Epoche der deutschen Romantik hingewiesen. In der einschlägigen Literatur wird es so beschrieben, dass in der Romantik „der Mythos […] nicht als Gegenwelt zum Religiösen, sondern als seine Erneuerung verstanden [wurde]. Jean Paul betrachtet die mit der Abwertung der Köperwelt verbundene Abwendung von der „Erden-Gegenwart“ hin zur „Himmels-Zukunft“ als den eigentlichen Mythos seiner Zeit […]: Auf der „Brandstätte der Endlichkeit“ erwachsen Engel, Teufel und Heilige und die Sehnsucht nach der Unendlichkeit oder die unendliche Seligkeit.“ – Lassen wir aber in unserer Jetztzeit verhaftet getrost alle Engel, Teufel und auch Heilige beiseite, unendliche Seligkeit dagegen wär‘ schon nicht schlecht! Die hiesige Ausstellung jedenfalls trägt Einiges dazu bei, den Mythos zu wahren.

Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker (Stuttgart)

Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg

DAILY

12. November 2021 – 21. Januar 2022

DAILY

12. November 2021 – 21. Januar 2022

DAILY

12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

DAILY

12. November 2021 – 24. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

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12. November 2021 – 24. Januar 2022

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12. November 2021 – 21. Januar 2022

Alle Fotos © Ulrike Reichart, 2021

DAILY

12. November 2021 – 21. Januar 2022

Jeden Tag das Gleiche … Perfektion oder Meditation? Meisterschaft oder Übung?
Eine Ausstellung auf den Spuren von Repetition, Können, Ausdauer, Geduld und verstreichender Zeit.

Eine Ausstellung des Kontur. Kunstverein Stuttgart e.V. (ADKV)

Beteiligte Künstler*innen:

Anna Anders, Berlin

Anja Bohnhof, Dortmund

Željko Božičević, Stuttgart

Edward B. Gordon, Berlin/London

Martin Graf, Hamburg

Gudrun Knapp, Stuttgart

Jens Risch, Berlin

Horst Peter Schlotter, Weil der Stadt

Willy Wiedmann †, Stuttgart

Paula Pelz, Stuttgart

DAILY

Anna Anders, Anja Bohnhof, Željko Božičević, Edward B. Gordon, Martin Graf, Gudrun Knapp, Paula Pelz, Jens Risch, Horst Peter Schlotter, Willy Wiedmann
Kunstbezirk, Galerie im Gustav-Siegle Haus, Stuttgart
12.11.2021 – 21.01.2022

Rede von Clemens Ottnad zur Eröffnung am 12. November 2021

Insbesondere bildenden Künstlerinnen und Künstlern, mehr noch den im Bereich der Literatur Tätigen diente es häufig als altbewährtes Motto: Nulla dies sine linea! Kein Tag sei ohne Linie (ohne zu zeichnen)! Kein Tag ohne eine Zeile (zu schreiben)! Der vielzitierte – wenn auch nicht nachweisbare – Ausspruch wird gewöhnlich Plinius d. Ä. in den Mund gelegt, der einen sportiven Wettstreit der beiden antiken Maler Apelles und Protogenes zu schildern vorgibt, wer denn von den beiden mit Hilfe eines Pinsels die feinere Linie zu ziehen vermöchte. Im Arbeitszimmer von Émile Zola zierte die Parole sogar dessen Kaminaufsatz – auf andere Weise hätte der französische Autor mit bekanntermaßen penibelst eingehaltenem täglichen Schreibplan wohl auch kaum seinen 20-bändigen Romanzyklus der Rougon-Macquart zustande gebracht. Was nun aber bei Plinius oder Zola eine Frage bloßer technischer Finesse oder von ungeheurem Fleiß und Durchhaltevermögen ist, stellt sich angesichts der 10 künstlerischen Positionen, die in der aktuellen Ausstellung DAILY versammelt sind, doch deutlich anders dar.

Dieser Reigen eines kontinuierlichen weil täglichen Tuns umfasst die Medien von Zeichnung (analog wie digital), Malerei, Materialarbeiten und Objekte, Fotografie, Video-Installation und reichhaltige Künstlerbücher, die von Vorgenanntem Mehreres zugleich enthalten. Mal bestimmen Ausdrucksmittel und Technik, mal das Konzeptuelle und dann wieder die inhaltliche Auseinandersetzung mit Thema und Motiv das Spektrum, mitunter auch schlicht die vorgegebenen äußeren Umstände. Beim Rundgang durch die Ausstellung wird jedenfalls schnell klar, dass das Repetitorium des scheinbar immer Gleichen offensichtlich doch vielfältige Erkenntnisse eines auch überraschend Neuen und Anderen ins sich trägt.

Täglich wiederkehrende Rituale und Routinen prägen unseren Alltag. Für die einen vermitteln sie verlässliche Strukturen, die dem Leben Halt geben, für die anderen nur bis zum Überdruss erschöpfende Langeweile. Was für den Einen disziplinierte Übungen bis zur vollkommenen Meisterschaft bedeuten, mutet die Andere als sisyphotisch vergebliche Liebesmüh und ermüdende Zeitschleifen ohne jeden Sinn und Verstand an. Tag um Tag ist nicht immer guter Tag, aber eben doch oft: Konzentration auf das Beiläufige, leicht zu Übersehende, stille Versenkung in ein meditativ zielloses Für-Sich-Sein, das aufmerksame Messen verbrachter und verbrauchter Zeit gleich Lebenszeit und damit Selbstvergewisserung, Weltvergewisserung.

Doch diese – die Welt und ihre Dinge darin und deren künstlerische Aneignung – verändern sich ganz gewaltig, wenn etwa Jens Risch (*1973, Berlin) aus einem 1.000 Meter langen Zwirnfaden ein knoll-koralliges Gebilde knotet (vgl. Einladungskarte zu dieser Ausstellung). „Der Knoten bin ich.“, sagt der Künstler und befasst sich täglich mit seiner Knotenarbeit, die die Linie in einen Körper (quasi einen Zeitklumpen, vgl. Andreas Bee) verwandelt, ein Raum-Zeit-Kontinuum der besonderen Art. Akribisch sind die Knotenzeiten auf Monatsblättern dokumentiert und zu kalenderartigen Jahrestableaus zusammengefasst.

Eine genaue Vermessung von Objekt, Ort und Zeitdauer – jeweils mit einem Stempel zu den exakten Angaben versehen – zeigt das Scharrenberger Zeichnungsarchiv von Željko Božičević (*1965, Stuttgart). Als Work in Progress konzipiert, spielt das Sujet Weinstock, der dargestellte Bildgegenstand – so sehr sie individualisierten Pflanzenportraits gleichen mögen – als selbständiges und technisch virtuos ausgeführtes Werk überhaupt keine Rolle. Vielmehr dienen die pleinairen Zeichnungsexerzitien als Selbstversuch in der Auseinandersetzung mit einer Kulturlandschaft im Spannungsfeld von Natur und urbanem Raum auf der Degerlocher Höhenlage.

Keine vegetabilen Erscheinungen im eigentlichen Sinn, aber doch ein geradezu biomorphes Anwachsen von Linienwerk und Linienschwärmen prägt den Block von Zeichnungen von Gudrun Knapp (*1960, Stuttgart). Die für sie charakteristische Ausdruckssprache körpernaher Bewegungsbilder ist aufgrund coronatechnischer Einschränkungen inzwischen ins kleine Format und in eine eher intime, allabendliche Zeichenarbeit überführt worden. Dennoch vermitteln die auf grauem Karton geführten Lineamente (weiß, schwarz, rot) grundsätzliche Aggregatzustände von Auflösung und Verdichtung, Abstand und Nähe, die vom mikroskopisch Kleinen in kosmische Weiten gedacht werden können: eine Linie steckt hier die nächste Linie an.

Fotografische und filmische Präparationen des Alltäglichen haben Anja Bohnhof (*1974, Dortmund) und Anna Anders (*1959, Berlin) angelegt. Alltagswelten zwischen Süden und Norden, wie sie verschiedener nicht sein könnten: In einer eindrucksvollen Reihe zeigt Anja Bohnhof Lastenträger und -Fahrer in Kalkutta. Von der Fotografin aus ihrer gewöhnlichen Umgebung isoliert, erscheinen die verarmten Männer, die jeden Tag mit einfachsten Mittel um ihre Existenz kämpfen müssen, unversehens wie heroische Zauberer. Mit angemessenem Stolz bewegen sie unglaubliches Transportgut, jonglieren fragilste Gebilde und sorgen so tagtäglich dafür, dass der Lauf der Dinge – insbesondere der der ökonomischen Dinge der Wohlhabenderen – nicht aus den Fugen gerät.

Scheinbar heile Welt dagegen in Seyðisfjörður, einer kleinen Ansiedlung im Osten Islands: Anna Anders zeigt in jeweils 9:40 Minuten langen Sequenzen auf urspünglich 19 unterschiedlich großen Frames isländische Einfamilienhäuser in ihrer typischen Farbigkeit. Die Anordnung der Bildschirme entspricht dabei dem Stadtplan des Ortes. Ob wir es aber mit dokumentarischem Material zu tun haben, als die Hausbewohner tatsächlich alltägliche Tätigkeiten ausführen, oder es sich doch eher um eine von der Künstlerin inszenierte Installation oder viele verschiedene Performances handelt, bleibt ungewiss.

Schnelle Polaroids in schier altmeisterlicher Manier gemalt präsentiert uns

Edward B. Gordon (*1966 Berlin / London). Augenblicksfänger sind sie genannt und in der Tat lässt er keinerlei Augenblicke aus. Neben größerformatigen Gemälden in seinem Gesamtwerk verfertigt er – Daily a Painting – seit 2006 jeden Tag ein 15 x 15 cm großes Tagesbild, das er im Netz veröffentlicht und meistbietend versteigert. Insbesondere dem städtischen Alltag entnommen (Berliner Straßenszenen, Paris mit Eiffelturm, Wäsche auf der Leine) sind auf diese Weise bisher über 4.000 Arbeiten entstanden und über die ganze Welt verteilt worden.

Im krassen Gegensatz dazu lebt die scheue Malerin Paula Pelz (*?, Stuttgart) gänzlich zurückgezogen, wenngleich nicht weniger produktiv. Mit every-day-people malte sie im Jahr 2019 jeden Tag 365 Tage lang jeweils ein Portrait. Als Modell mögen ihr Freunde und Bekannte gedient haben, letztlich geht es ihr jedoch nicht um Abbildhaftes und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen. Wo wollte sie diese angesichts ihrer eremitischen Lebensweise auch kennengelernt haben? Vielmehr ist es ihr um das Portraitbild als Gattung der bildenden Kunst an sich zu tun, Fragen nach Identität, also um „das innere Abbild […] erinnerter Personen“, wie es ihr Bruder Jan-Hendrik Pelz beschreibt, der sich – selber Künstler – intensiv um das künstlerische Werk seiner begabten Schwester sorgt.

Eine ebenso staunenswerte Konsequenz bezeugen die Bildtagebücher von Horst Peter Schlotter (*1949, Weil der Stadt). Jedes Jahr lässt er sich nämlich eine Anzahl von Blanko-Büchern anfertigen, die er seit 1980 Tag für Tag jeweils mit einer Arbeit versieht. Die Zeichnungen, Collagen, übermalte Fotografien, Textnotizen und vieles andere mehr nehmen mal nur einen Teil einer Seite ein, mal breiten sie sich über die gesamte Doppelseite bis hin zu Materialarbeiten aus. Im Unterschied zu Einzelwerken, die in den Verkauf und in Sammlungen gelangen, bleiben diese autobiografischen Kompendien als kompaktes Erinnerungsarchiv erhalten und laden ein zum Blättern durch das eigene Leben und Erleben.

Ganz anders Martin Graf (*1969, Hamburg), der zwar ebenfalls jeden Tag eine Zeichnung erstellt, diese aber ausschließlich in digitaler Form, auf verschiedenen Tablets, und das in Windeseile. Sie enthalten spontane Alltagsimpressionen und werden – mit Titeln oder Text versehen – umgehend im Internet veröffentlicht, wo ein eingeschworenes Publikum die Tageszeichnungen regelmäßig seh(n)süchtig erwartet. Der Papiermechaniker, wie er sich selber nennt, sagt selbst: „Anfang 2012 kam ich auf die gute Idee, jeden Tag ein Bild zu zeichnen, denn: ‚One drawing a day keeps the doctor away!‘“ Die Einzelblätter auf dem Bildschirm aneinandergereiht entsteht eine Art Trickfilm, der an Comics denken lässt.

Zuletzt zu Willy Wiedmann (1929–2013), seines Zeichens bildender Künstler, Musiker und Komponist, Schriftsteller und Galerist. Nach der Ausmalung der Pauluskirche in Zuffenhausen arbeitete dieser 16 Jahre lang an seinem Bibel-Projekt. In 3.333 Bildern, die in 19 Leporellos zusammengefasst sind, gibt er das komplette biblische Geschehen in dem von ihm als polykoner Malerei beschriebenem Stil wieder.

Größer – meint man – könnte der Kontrast seiner Wiedmann Bibel zu den vorge-nannten digitalen Comic Strips nicht sein. Doch im Grunde spannt sie in ihrer Eigenart mühelos den Bogen zu einer ornamentalen Archaik, wie sie z.B. die frühe Reichenauer Malerschule (10. Jahrhundert) repräsentiert, die mit reichen Mäander- und Rankenwerk geschmückten Fresken nichts anderes als ein frühmittelalterlicher Comic, eine Bildergeschichte für die Gläubigen, die des Lesens nicht mächtig waren.

Wenn wir also von Selbst- und Weltvergewisserung mittels des alltäglichen Tuns und dem Verstreichen von (Lebens-)Zeit in den hier in der Ausstellung gezeigten Varianten sprechen, sind wir auch mit den Fragen individueller Vergänglichkeit befasst. Mit der Konzentration auf jeden einzelnen Moment, Tag für Tag, die sich darin wiederholenden Routinen und Rituale, die Linien, die Seiten, die Knoten, die vielerlei Gesichte(r) – meditativ geerdet oder aber obsessiv bedrängend – scheinen die Momente eines Memento Mori auf. – In Punxsutawney, in dem kleinen pennsylvanischen Städtchen, aus dem einmal fast philosophisch filmreif ein Murmeltier täglich grüßen durfte, würde das heißen: „Ja, aber was ist, wenn es kein Morgen gibt? Heute gab’s nämlich auch keins.“ (Zitat im Film Bill Murray alias Phil Connors, 1993)

Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker (Stuttgart)

Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg