In aller Stille

Die Ausstellung läuft noch bis Ende Mai 2020.

 

Eine eher "unbunte" Reise durch gefrorene Zeiten, durch Weiten und Tiefen, zu Verborgenem und Geheimnisvollem mit Werken von

 

Klaudia Dietewich, Stuttgart, Fotografie;

Barbara Karsch-Chaieb, Stuttgart, Malerei;

Jan Jansen, Stuttgart, Malerei;  

Gudrun Knapp, Stuttgart, Zeichnung;

Susanne Lyner, Basel, Malerei,;

Marion Moritz, Rottweil, Fotografie;

Birgit Rehfeldt, Stuttgart, Bildhauerei;

Brigitte Schwacke, München, Raumzeichnungen;

Daniel Sigloch, Stuttgart, Fotografie;

Fritz Stier, Mannheim, Video;

Johanna Wittwer, Stuttgart, Zeichnung;

Gerlinde Zantis, Aachen/Friedrichshafen, Zeichnung.

Eröffnung war am

14.02.20 im KUNSTBEZIRK 
mit einer Einführung in die Ausstellung von Clemens Ottnad.
Die Ausstellung läuft bis zum 18. April immer dienstags bis sonnabends von 15 bis 19:00 Uhr, nicht an Feiertagen.

Und hier die sehr kundige Einführung von C. Ottnad;

 

Die Frage nach dem akustischen Klang der Stille hat bekanntermaßen der us- amerikanische Künstler-Komponist John Cage (1912–1992) mit seinem im Jahr 1952 uraufgeführten Stück 4‘33“ exemplarisch beantwortet. Ob zunächst als Solo für Piano oder aber später gar für großes Orchester angelegt, ist darin jedenfalls über die Dauer von etwas mehr als viereinhalb Minuten lang nichts, überhaupt nichts zu hören (eine kleine Ewigkeit, möchte man meinen). Anfang und Ende des Stückes werden durch das Öffnen bzw. Schließen des Klavierdeckels im Konzertsaal markiert, die Spieldauer der drei Sätze des Stückes – tacet, tacet, tacet (Pause, Pause, Pause) – in der Regel durch den Gebrauch von Spielwürfeln von Seiten der Musiker vor der Aufführung ermittelt.

Suchte man hierzu nun in der zeitgenössischen bildenden Kunst ein optisch-visuelles Äquivalent, könnte die Wahl beispielsweise auf eine Arbeit des Bildhauers und Konzeptkünstlers Tom Friedman (*1965) fallen, die unter dem Titel 1.000 Hours of Staring (1.000 Stunden Starren) in den Jahren 1992 bis 1997 entstanden ist, und sich heute als Schenkung Dean Valentine (und heute ist Valentinstag!) & Amy Adelson im Museum of Modern Arts in New York befindet; Technik: Starren auf ein Blatt Papier, Format 82,6 mal 82,6 Zentimeter. Dieser großformatige, gänzlich unberührte Papierbogen stellte mindestens im Jahr 2006 eines der zentralen Exponate der vielbeachteten Ausstellung Nichts in der Frankfurter Schirn Kunsthalle dar. Und nicht umsonst hatte der einstige Museumsleiter Max Hollein seine Schau ausgerechnet zwei Tage nach dem Ende der damaligen Fußballweltmeisterschaft eröffnet, als „[...] eine Reaktion auf die Überfülle, dass wir hier jetzt sozusagen eine Art Rückzug präsentieren, eine ganz andere Form der Wahrnehmung, eine Wahrnehmung, die nicht auf den ersten Blick geschieht, eine Wahrnehmung, die Sie nur mit Konzentration, mit Stille, mit Schweigen exekutieren können, die dann für Sie um so mehr ein neues Sehen, einen neuen Sinneseindruck erzeugt.“

Mittendrin wir nun also im geschäftigen Bling-Bling der Stadt Stuttgart gelegen und zugleich doch auch im Abseits präsentiert die aktuelle Ausstellung im Kunstbezirk in aller Stille 12 beeindruckende künstlerische Positionen, die im wechselseitigen Zusammenspiel der verschiedenen Ausdrucksmedien jene angesprochenen neuen und anderen Wahrnehmungsweisen einzufordern versuchen. (Das hollein’sche Schweigen – Wir dürfen und sollen über die gezeigten Arbeiten ruhig sprechen. – und erst recht seinen reichlich merkwürdigen Begriff des Exekutierens vergessen wir dabei getrost.) Erst einmal in die Materie, in Materialien eingesehen, offenbaren sich nämlich in der sorgsam bedachten Auswahl der hier versammelten Werke bis dahin ungeahnte und geheime Querverbindungen, vielleicht sogar eine behutsam sich entwickelnde Sacra Conversazione der etwas anderen und gegenwärtigen Art, wenn bestimmte Blickachsen und Sichtverbindungen über die vorgebliche Abgrenzung je unterschiedlicher Genres und Sujets der je einzelnen Objekte hinausdeuten.

So erscheint die Farbe hier zunächst vermeintlich ganz in den Hintergrund getreten zu sein. Doch beim aufmerksamen Abschreiten des Ausstellungsparcours setzt unvermittelt ein gehöriges Augenflimmern ein. Die zentral gesetzte Farbikonostase zum Beispiel berichtet in feinst ausdifferenzierten Tuschetönen von Wasser, Winterkälte, Weite hoch im Norden, während nebenan ein Seestück (vermittels Video) tatsächlich bereits in Bewegung – ins Wogen und ins Wanken – geraten ist. Kein dunkel einsames Gestade, an dem wir nicht unwillkürlich weiland Caspar David Friedrich doch irgendwie mitdenken würden, wiewohl es uns zugleich – ein stummer

Schreck durchzuckt uns kunsthistorisch – vor allen kreuzfahrerischen Katastrophen graust.

Andernorts aber entpuppt sich lichtflirrende Landschaftsmalerei als vielverschichtetes digitales Naturkomposit, multiple Dickichte und Gestrüppe, mensch- bis gottverlassene Architekturen, die kaum vernehmlich vor sich hin rauschen, summen müssten (von wegen Stillstand!), tummelten sich da nicht die finsterfarben glitzernden Mondpassagen auf der anderen Seite der Wand, die im Verlaufe von nächternen Langzeitbelichtungen entstanden sind. Auf noch schmalerem Grat gälte es dort in der Nähe gar ein Bergmassiv hinauf in durchaus dünne Luft zu erklimmen, wenn es denn auch nur massiv sein wollte und sich nicht derart drahtfragil dem alpinen Zugriff entzöge, mal projizierte Zeichnung vor dem weißen Hintergrund zu sein, mal vollständig im Raum verschwebt, zwischen mindestens zwei, drei Dimensionen schwanken machend.

Umgekehrt erweisen sich die eben noch als fotografisch festgehalten geglaubten atmosphärischen Licht-Wasser-Reflexionen einer südfranzösischen Paysage durch und durch auf der Grundlage der virtuosen Handhabung von Pastell und Farbstift konstituiert, und sie erinnern uns in dieser stillschweigenden Sinnestäuschung ein weiteres Mal daran, im Schnell und Laut und Bunt und Glossy unserer Alltagsumgebung ja immer und genauer hinzusehen, was wir da wirklich vor uns haben. Sogar noch einzelne Pigmente selber – kleinste Bausteine von Farbe – können sich geradezu zu Hauptprotagonisten eines Werkes auswachsen, wenn sie in grünschillernden Ölschiefern 80 Millionen Jahre alte Erdgeschichte systematisch nacherzählen, sofern man ihnen nur genügend lauscht.

Möglicherweise ist es ja tatsächlich deswegen so still, weil all die Menschen in den Bildern fehlen oder allerhöchstens flüstern, raunen. Dabei sind sie doch allgegenwärtig in ihrem Tun und dem Getanen: Haltestellen, Einblick in Hinterhöfe, Graffitis in Industriegebieten, als hätten ihre unsichtbaren Bewohner eben schnell die Stadt verlassen und ein Schild ins Fenster gehängt „Komme gleich wieder“, obwohl sie vielleicht niemals dorthin zurückzukehren gedenken; Hauptsächliches in den

Nebensachen (ein)gefangen. Dem umliegenden Straßenraum kann das dagegen vollkommen gleichgültig sein – aus den ach so profan mit Bitumen ausgebesserten Fehlstellen sind unversehens nämlich eine ganze Reihe graziler Tänzer-Turnerinnen aus blickumgewandten Fotografien entstiegen. Wer braucht da noch Künstler, wenn der Asphalt schon selber schreibt und zeichnet? Und sogar das, was von einem anderen Linientanzen – etwa dem Aktionsradius des zeichnerisch ausgreifenden Körpers – übrig bleibt (von wegen Abfall!), wird als kostbares Randstück des Gestischen auf Papieren konserviert.

Dabei breiten sich eigentlich ja jede Menge Figuren, Figurinen, Aktfiguren, Hunde, Katzen und anderes Getier auf einer dieser Wände sichtbar aus. In miniaturische Bruchstücke eines biografisch größeren Ganzen zerschrumpft, sind sie allerdings auf Wellpappen oder Birkenrindenstücken schier zum Verschwinden gebracht und proben vielmehr nun in still anarchischer Verschwörung miteinander ihren erst noch leisen Aufstand. Kann ja sein, dass die archaisch verblockten Holzköpfe, die dagegen wie mächtige Satelliten im Raum zwischen den Wandarbeiten miteinander korrespondieren, auch diese verrätselten Signale einzufangen und zu entschlüsseln wissen. Einer individuellen physiognomischen Zuordnung sind sie allerdings enthoben – sie sehen nicht, sie hören nicht, sie sprechen nicht und sind ganz still –, wahrscheinlich aber sind ihre Einzelsinne zugunsten eines unfunkgestillten Sinnempfange(n)s nur umso ausgeprägter.

Doch längst schon mahnt eine Soundarbeit im Raum, doch endlich, endlich – Psst! – ganz still zu sein. Als Einführung hätte das („Psst!“) in aller Stille der hier gezeigten Arbeiten eigentlich auch genügt. Zwischen 4 Minuten 33 und unzähligen längeren Augenblicken aufmerksamen Schauens wünsche ich Ihnen dabei in jedem Fall viel Vergnügen! (Das Endspiel im Jahr 2006 endete im Übrigen mit 5 zu 3 Toren nach Elfmeterschießen).

© Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker, Stuttgart Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg