Ausstellung endet pandemiebedingt am 31.10.20

 

Eröffnung der großen Fotoausstellung der Gruppe Blau

 

fand statt am Sonnabend, den 10. Oktober 2020 ab 18:00 Uhr

 

open-air wegen Covid-19

 

auf den Stufen zum KUNSTBEZIRK am Leonhardsplatz - bei jedem Wetter.

 

Nach ein kurzen Begrüßung von P. Hoffmann vom KUNSTBEZIRK 

 

 führte Dr. Tobias Wall in die Ausstellung ein.

 

In der Ausstellung jeweils maximal 30 Besucher. Maske obligatorisch.

Worum geht es?

Eine Einladung in Zwischenwelten, Irritationen und Täuschungen.

Bilder, deren Wirklichkeit bewusst offen bleibt.
Konkrete Darstellungen, real erscheinend und doch nur Vorschläge.
Nicht Erkennbares, das eigene Inhalte annimmt. Die Wirklichkeit liegt im Betrachter selbst.

Bilder, ehemals als Referenz zur Wirklichkeit, gar als Beweismittel wahrgenommen, werden heute in ihrer Glaubhaftigkeit permanent hinterfragt. Dennoch dominieren Bilder die Welt.
Sie dienen der Selbstdarstellung, werden als Möglichkeit gesehen, 
Wirklichkeiten (Plural!) nach eigenem Gutdünken zu manipulieren.

Die Fotos der Gruppe Blau greifen dieses Thema auf, spielen mit dem Betrachter, laden zum Zweifeln ein. Es gibt etwas zu erkennen, das sich bei genauerer Betrachtung vielleicht wieder ändert.

Wer ist die fotogruppe blau?

Die Fotogruppe wurde 2011 von rund 30 Fotografinnen und Fotografen aller Altersgruppen und unterschiedlicher beruflicher Herkunft gegründet. Nach Art und Konzeption geht die Gruppe konsequent einen eigenen Weg. Demokratisch organisiert, ohne hierarchische Strukturen, findet ein ebenso konstruktiver wie kritischer Austausch unter den Mitgliedern statt – mit dem Ziel voneinander zu lernen und so die Qualität fotografischer Inszenierungen weiterzuentwickeln.

Details finden sich HIER:

Die Gruppe hat ein schönes Motto, welches lautet:

Gute Fotos brauchen keine Worte, sie reden selbst.

Zum Nachlesen hier die Einführung von Dr. T. Wall

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,


es ist ein paar Wochen her, da trafen wir uns zu einem Vorgespräch zu dieser Ausstellungseröffnung. Die Gruppe Blau und ich. Zugegebenermaßen hatte ich vorher noch nie von einer Gruppe Blau gehört und war nicht wenig überrascht, als ich ein Zimmer betrat, das voll mit Menschen war. Mir wurde klar, dass ich es hier mit einer wirklichen Gruppe, einer großen Gruppe zu tun habe, einem Schwarm hoch motivierter, sehr interessierter und leidenschaftlicher Fotografinnen und Fotografen, die ihr Werk ganz bewusst in der Gruppe und im Austausch entwickeln, also keine Ansammlung von Einzelkämpfern und ...-Rinnen, die im Schutz der Gruppe, unter einem hübschen Namen ihr jeweiliges Werk platzieren wollen.
Nein, die Mitglieder von Blau entwickeln sich gemeinsam weiter, in regelmäßigen Gesprächsrunden, bei gemeinsamen Reisen. Sie sprechen über ihr Werk, diskutieren, kritisieren, verwerfen, entwickeln gemeinsam. Und trotzdem behält jedes Mitglied seine individuelle Handschrift.

Ich war beeindruckt, denn diese Gruppe, leben ein sehr modernes Kunst- und Künstler-Verständnis, obwohl die Gruppe nicht gerade aus Mädles besteht. Eines, dass man heute als kollaborativ oder postheroisch bezeichnen würde.

Für diesen Typ von Gestalter passt das Wort „Künstler oder Künstlerin“ nicht mehr wirklich.
Darüber habe ich mich gestern auch mit Paulo Santos unterhalten, Paulo ist selbst Fotograf und hat als Coach von Gruppe Blau und Kurator entscheidenden Beitrag zum Erfolg ihrer Arbeit und diese Ausstellung geleistet.
Paolo ist Kurator in einem ganz ursprünglichen Sinne, denn ein Kurator ist dem Wortsinn nach (lat. curare = sorgen) eigentlich ein „Kümmerer“. Paulo Santos kümmert sich. Er berät die Gruppe bei ihrer fotografischen Arbeit, begleitet jedes Mitglied auf seinem Weg. Er sagt: „Mir ist es wichtig, dass die Leute zu ihren Arbeiten kommen.“ Aus dieser „post-heroischen“ oder besser einfach demütigen Haltung heraus verzichtet er bei der Beschreibung der Gruppenmitglieder sowohl auf den pathetischen Begriff des Künstlers als auch den technischen Begriff des Fotografen. Paulo Santos bezeichnet die Mitglieder der Gruppe blau ganz neutral als „Autoren“ Ich finde diesen Begriff des Autoren eine sehr kluge Wahl. Denn er ist befreit von Ballast eines traditionellen Künstlerbegriffs und ermöglicht eine Leichtigkeit, eine Unbekümmertheit im besten Sinne, die man auch in dieser Ausstellung spürt.

 

Diese Leichtigkeit braucht diese Ausstellung auch, denn der Titel, den sich die Gruppe Blau gewählt hat, ist alles andere als leichtgewichtig:

„Ich sehe, was ich glaube - Vorschläge über die Wirklichkeit“

Mit diesem Titel stellt sich die Gruppe den Grundfragen, die die Fotografie seit ihren Anfängen beschäftigt:

Das Verhältnis von Bild und Realität. So wirklichkeitsnah die Fotografie auch erscheinen mag, jedes fotografische Abbild war und ist immer eine Interpretation von Wirklichkeit.
Doch was bedeutet „Wirklichkeit“ heute, was bedeutet Wahrheit in Zeiten alternativer Fakten, Verschwörungstheorien und grenzenlosen Möglichkeiten der Bildmanipulation?
Gibt es überhaupt noch ein Wissen um die Wirklichkeit, an dem wir uns gemeinsam orientieren können oder sind wir zurückgeworfen auf das Glauben?

Schon bei meinem ersten Treffen mit der Gruppe Blau, bei unseren intensiven Gesprächen, die tief hinein gingen, in philosophische, sogar theologische Themen und in aktuelle politische Diskussion, kam bei mir der Verdacht auf, dass es ist nicht leicht sein würde, all den Ansprüchen, die dieser Titel mit sich bringt, in einer Ausstellung gerecht zu werden.
Da hilft nur eins: Mut und Unbefangenheit; also: sich bewusst von allem schwergewichtigen theoretischen Ballast frei machen und dem gestalterischen blick freien Lauf lassen.

So entstand eine Ausstellung, mit sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Positionen, die die Themen, die der Titel mit sich bringt, berühren oder anleuchten, sich aber nicht von ihnen in einschüchtern lassen.

Also:
Frohgemut hinein in die Ausstellung.

 

Andeutungen von Formen

Wir betreten den Raum:

Unser Blick fällt auf die Arbeiten von Andreas Jentsch.
Was sehen wir da, oder was glauben wir zu sehen: verschwommene verwischte Farben, Lichtflecken tanzen darüber, Andeutungen von Formen, Spiegelungen, Reflektionen, die jedoch ihr Pendant in der Wirklichkeit verlassen haben, um sich fließend, beinahe musikalisch in einer abstrakten Komposition finden, freie Welten aus Farben, Übergängen und Ahnungen.

Kein Wissen und auch ein Glauben begleitet uns ins Bild, es ist etwas anderes, etwas außerhalb dieser Erkenntniswege.

Wohngebirge

In den Fotos von Sebastian Wenzel scheinen die Verhältnisse klarer: Er zeigt uns Wohnburgen: Groß und mächtig, schicksalsträchtig stehen sie da, menschenleer wie Raumstationen    .
Wohnburgen im Stuttgarter Umland, menschenleer, menschenfeindlich. Aber was wir sehen, sind keine neutralen Fotodokumente. Sehr virtuos hat Sebastian die Bilder bearbeitet, Perspektiven verändert, Fluchtpunkte verschoben. Auf diese Weise hat er die Wohnblocks in ihrer Wirkung überhöht und sie in große gleichsam soziale Skulpturen zu verwandeln. In ihrer brutalen Schönheit erzählen sie über die Träume und Albträume des menschlichen Wohnens auf dieser Welt, in unserer Zeit.

Architektur ist auch das Thema der Fotografien von Silviu Anastasiu
Wenn auch in ganz andere Art und Weise wie bei Sebastian. Seine Fotos entstanden in Bosnien, einem Land, das immer noch tief von den Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte geprägt ist. Silviu arbeitet mit Überblendungen und Überlagerungen und erschafft so feingliedrige Gespinste aus Motiven und Strukturen. Er beschwört das Schicksal dieser Orte zwischen früher und heute zwischen Krieg und Frieden und erzeugt so einen Schwebezustand zwischen Vergehen und Werden, zwischen Letargie und Hoffnung. Es sind bedeutungsvolle Traumbilder, in denen verschiedene Geschichten in einander flüstern. Wird sich dieses Schicksalgespinst je auflösen?

Gegenüber die Fotoreihe von Rainer Schmid-Vasterling
Jedes Bild ein kleines Gedicht, eine Kostbarkeit aus dem Fluss des Lebens genommen: Der schwebende Gecko, der Tanz der Quadrate; Kopfstein, Schachbrett, Spiele in Gold und Silber, Schaufensterpuppe mit heroischem Blick in sinnlose Ferne, der freudig verzweifelte Flamingo. Steckt hinter alledem, eine Geschichte des Autors, eine die sich vielleicht auch in den „Nachtgedanken“ verbirgt, die er zwischen seine Bilder gehängt hat?

Nein, es ist nicht eine Geschichte: es sind viele. Es sind unsere Geschichten.

Weiter zur Bildwand von Edith Jourdan

Zufallsfunde, flüchtige Blicke aus aller Welt, im Vorübergehen, verschwimmend und verspiegelt, der Lauf der Zeit. Doch so vielfältig die Motive auch sind, die Bilder finden sich zusammen in einem fein bewegten Gleichklang, in Harmonien und Tönungen von blau und rot. Aber sie ziehen sich nicht ganz zurück in die Abstraktion, man spürt überall den Ort ihres Entstehens, sein Leben. Es ist, als würde man die Geräusche hinter den Bildern hören.
Stellen Sie sich davor und versuchen Sie, die Bilder zu hören.

Binäre Sichten

Die großformatigen Kompositionen mit dem Titel „binäre Sicht“ von Kurt Joachim Kase scheinen sich völlig von der Wirklichkeit verabschiedet zu haben.

Ganz unterschieliche Motivwelten fügt er zusammen: man sieht sonderbare Schuppenberge, aus denen Lichter hervorbrechen, daneben neben Streifen in rot getauchten Waldes, im Bild daneben abstrakte schwarz-weiße Schlieren, sind es Bildstörungen oder vergrößerte Schmetterlingsflügel? Doch so surreal und artifiziell die Bildkomponenten wirken, keines der Motive ist nach Auskunft des Autors bearbeitet. er Komponiert Wirklichkeitsfragmente zu einem neuen fremden Ganzen mit einer befremdlich schönen Anmutung.

Gegenüber die Serie von Meinolf Gerling: Ein geradezu apokalyptisches Gewimmel von schwarzen Spuren, von Schlieren und Mikroformen, die wild durcheinander wirbeln, auseinander platzen, sich verbinden, explodieren. Hier scheinen Urkräfte zu wirken. Bilder von kosmischen Phänomenen oder aus den Tiefen der Materie. Aber was wir hier sehen, sind weder explodierende Mondlandschaften noch der Blick in Nanowelten. Sie sehen inversierte Bilder von Wasser, genauer: Bilder eines klaren kalten Wasserstrahls, der sich in einen Brunnen ergießt. Blicke in den unendlichen Formenreichtum des Zufalls; man meint sich ganz darin zu verlieren.



Mit Schminke und Nagellack

Es gehört Mut dazu, sich so zu zeigen, sich und seinen Körper so drastisch zu befragen. Es ist Blazenka Jakic nicht leicht gefallen, sagt sie. Fahle schwarz-weiß Bilder ihres Körpers, ihres Gesichts, manchmal scheinen sie sich im Licht zu verflüchtigen oder sich in ein ungewisses helles Grau zurückzuziehen.

Mit Schminke und Nagellack hat sie ihre Selbst und Körperbilder bearbeitet, empfindliche Stellen beschmiert, mit glitzernden Farben übergossen oder mit leuchtendem Rot übermalt. Farbe als Schutz, Farbe als Schmuck, Farbe als Verletzung.
Die Künstlerin setzt sich sich selbst aus, vor unser aller Augen. Sie stellt Fragen nach Schönheit, nach Verletzlichkeit, nach Vergänglichkeit und Weiblichkeit. Ein wunderbarer Zyklus wie ich finde. Bilder eines poetischen Zweifelns, in denen wahre menschliche Schönheit sichtbar wird.

 

Neulich in der Tiefgarage

Weiblichkeit, Zerbrechlichkeit und Schönheit. Das sind auch Begriffe, die mir bei den Bildern von Jo Grabowski einfallen. Es ist berührend, mit welcher Behutsamkeit der Fotograf die Frauen auf seinen Bildern anblickt. Bei aller Intensität seiner Aufmerksamkeit bleibt er immer auf Distanz. Er zeigt die Frauen in einer Anmut und Verletzlichkeit, aus der immer auch eine große Stärke spricht, Menschen im Fragen, im Suchen, auf dem Weg zu sich selbst. 

 

Auch Erhard Berwanger hat sich auf den Weg zu sich selbst begeben. Er ist zu den Wurzeln seiner Familie gereist, ins Banat, wo er in einem deutschsprachigen Ort einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Aber das Dorf seiner Kindertage ist im Begriff zu verschwinden, die Häuser verlassen, deutsch sind nur noch die Schriften auf den Grabsteinen. Die Geschichten seiner Vorfahren – man sieht sie auf der Bildersammlung links -, Geschichten aus einem Dorf, das im Barock als Mustersiedlung für deutsche Einwanderer errichtet worden war, in dem über Generationen Menschen redlich gelebt, geheiratet und gearbeitet haben und gestorben sind, wenn es an der Zeit war. Diese Geschichten sind nun auserzählt. Nur der alte Lehrer kennt noch ein paar von ihnen. Aber wenn der im Gasthof vor seinem leeren Glas sitzt, spricht er nur noch wenig.

 

Die Welt ist voller Wunder, voller sonderbare Gestalten Gesichter und Kreaturen. Stefan Heitmann zeigt  dass wir uns nicht Phantasywelten flüchten müssen, um ihnen zu begegnen. Sie liegen vor unseren Augen. Der Fotograf findet sie auf seinen langen Spaziergängen am Strand: da sind sie, die Gesichter, die Gestalten, die uns unbemerkt ständig umgeben. Mit ihren gewundenen, gestreckten Körpern, mit hohlen Augen und aufgesperrten Mäulern, mit Fratzen und Lachen. Mit seinem feinen Sinn fürs surreale entdeckt uns Stefan Heitmann diese phantastische Welt und setzt sie vollendet ins Bild. Ich rate Ihnen: lernen Sie von Heitmann das Schauen, und sie werden sehen: die ganze Welt ist voller Gesichter, alles blickt uns an.

 

Wettergegerbte Bretter

Auch das Holz auf Ulrich Siegrists Schwarzweiß-Fotografien scheint Augen zu haben. Alte wettergegerbte Bretter mit rauher Maserung und dunklen Astlöchern.
Aber sehen sie nur die vernarbten Holzgesichter auf Siegrists Fotos sind sogar im Gespräch miteinander: Sie erzählen sich vom Altern und Vergehen. „Ich will nicht älter werden“, sagt das erste verschobene Brett, „Weine nicht, wir werden alle älter“ meint der weinende Holz-Totenschädel in der Mitte, und die verquirrlte Maserung daneben meint: „Ja, aber meine Frau findet mein Gesicht immer markanter.“ Siegrist zeigt: ein probater der Weg, sich dem Altern zu stellen, ist die Flucht ins Absurde.

 

Von einer ungewöhnlichen, einer nüchternen Poesie ist die Arbeit von Hanns-Günther Högel. Hernandos Hideaway. Es handelt sich um eine Installation bestehend aus einer dokumentarischen Fotoreihe und einem Musikstück mit eben dem Titel „Hernando’s Hideaway“. Die Bilder entstanden in Portugal und zeigen Ansichten eines Grundstückes, in dem offensichtlich jemand vor Jahren vergeblich versucht hat, einen Traum vom schönen, zurück gezogenen Leben zu verwirklichen. Heute haben Natur und Zufall diesen „Hideaway“ übernommen und ihn in einen Garten melancholischer Verwahrlosung verwandelt. Es bleiben lediglich Ahnungen des ausgeträumten Traumes, die Hanns-Günther Högel mit dem Lied aus alten Zeiten begleitet, das die Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit beschwört.

 

Eine feine Melancholie durch zieht auch die Werkreihe von Monika Lehn. Auch ihre Ansichten erscheinen wie Zufallsfunde. Schlichte, unspektakuläre Momente, eingefangen von einem sehr empfindsamen Blick. zerspiegelt schwebend, schillernd, zerteilt: Momente von Flüchtigkeit, Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit. Zwei Mal: Das Kreuzmotiv. Tiefe Blicke. Ein anrührender Reigen von nachdenklicher Schönheit.

 Was für ein großer Schritt zu den Arbeiten von Christiane Breitenbach und Ulrike König.

Die beiden gehen in die Vollen. Sie zeigen uns nicht nur Fotografin sondern ganze Filme Daumenkinos, und wer sich die Filmminiaturen ansieht, merkt, dass es dabei nicht nur um Daumen sondern um Damen-Kinos handelt. Frauenpower ohne Grenzen. Die beiden Ladys präsentieren sich uns in den absurdesten Situationen. Sie hampeln, balgen, verkleiden sich, essen, staunen, lachen. Ohne Sinn und Ziel. Katzentüte über ´m Kopf. Reine Anarchy, wie Paulo sagt. Dabei spielen sie fröhlich mit diversen Rollenbildern, Frau, Mann alt, jung alles durcheinander, ohne intellektuellem doppeltem Boden. Feminismus ohne Ideologie, aus Freude an der Kunst, aus Freude am Leben.

Am Schluss der Ausstellung steht eine in der Tat außergewöhnliche fotografische Arbeit. Es sind die Bilder von Gonde Kiessler

Für ihre Arbeit nimmt sie den Titel der Ausstellung auf und modifiziert ihn. „Ich glaube, was ich weiß“. Damit bringt sie das groß gewollte Thema der Ausstellung auf den Boden der Tatsachen zurück.
Kein Wunder, denn Gonde Kiessler ist Naturwissenschaftlerin und zwar von der härtesten Sorte. Metallographin.

Aber wie geht eine naturwissenschaftliche Haltung mit diesen wunderschönen, schwarz-weiß Fotografieren zusammen?, diesen herrlich abstrakten Landschaften, diesen wundervoll strukturierten Komposition, diesen sensationellen Bild Ideen die an Pop-Art, Op-Art oder psychedelische Kunst erinnern?

Ganz einfach, was sie hier sehen sind, sind keine künstlerischen Fotografien sondern das genaue Gegenteil: Es handelt sich um naturwissenschaftliche Dokumentationsfotografie, die Gonde Kiessler als Mitarbeiterin für die Materialprüfung in den fünfziger und sechziger Jahren mit Spezialmikroskopen geschossen hat. Auf den Fotografien sieht man die Materialstrukturen von Metallen, Legierungen und anderen Stoffen und deren Verhalten unter bestimmten physikalischen Bedingungen.

Die Schönheit in den Tiefen des Materiales, ihre ästhetische Qualität eröffnet sich erst hier in der Ausstellung durch unseren, durch unseren Blick. Ob die Bilder dadurch Kunst werden, ist eine große Frage, die ich hier nicht mehr angehe.
Gonde Kiessler auf jeden Fall kommt auch hier ohne Kunstpathos aus und verschenkt ihre wunderbaren Fotografien in der Ausstellung, also Antikunst, in markttechnischen Sinne.

Wissenschaftliche Dokumentation werden zu Antikunst, Wasserstrahlen zu Planetenexplosionen, Wohnblocks zu Riesenskulpturen. Eines ist sicher. Am Ende der Ausstellung wissen wir nicht mehr als am Anfang, hat sie unsern Glauben an die Bilder erschüttert? Ich denke nicht.

Und genau in diesem Sinne, hat diese Ausstellung etwas sichtbar gemacht, was schon die Philosophen der Aufklärung beschrieben haben, Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft und vor allem Alexander Baumgarten. Nämlich, dass es Erkenntnisweisen außerhalb der Kategorien des Wissens oder des Glaubens gibt. Es ist die ästhetische Erkenntnis. Sie öffnen uns eine Wahrheit, die jenseits von Fakten und jenseits von Spekulation oder Spiritualität liegt. Es ist die Wahrheit der Poesie, die Wahrheit der Kunst.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, heute Abend hier und jetzt:

Nicht Glauben, nicht Wissen, einfach nur Schauen!