STUTTGART - STADTRAUM IN BEWEGUNG?

19.11.2016 bis 07.01.2017

Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung hat der Werkbund 1927 als Stellungnahme zum Thema "Neues Bauen" initiiert. In dieser Tradition steht das Ausstellungsprojekt, das sich - in kleinerem Maßstab und anderem Format - mit dem Stadtraum und unserem Umgang damit befasst. Durch die Diskussionen um Stuttgart 21 ist die Gesamtheit der Stadt in den Hintergrund getreten. Das Projekt des Deutschen Werkbunds will diese wieder ins Blickfeld rücken und den Diskurs um Stadtraum und Stadtgestaltung neu beleben. Geplant sind: 

- Ausstellung
- Diskussionsveranstaltung
- Veröffentlichung.

 Dokumentiert werden in anspruchsvollen Fotografien

- Stadt- und Verkehrsraum, 
- Grünraum und am Wasser, 
- urbane Räumen, die Aktivitäten ermöglichen/verhindern, 
- private Bereichen, in Rekreations- und Ruhezonen, 
- der Umgang mit unserem gebauten Erbe.

 

 Die Ausstellung läuft vom 19.11.2016 bis 07.01.2017

 Öffnungszeiten: 

 Di bis Sa 15 - 19 Uhr
an Feiertagen geschlossen. 

Gezeigt werden 108 Fotografien zum öffentlichen Raum von 38 GestalterInnen, ArchitektInnen, FotografInnen und auch BewohnerInnen. Sie folgten alle einem Aufruf der Stuttgarter Stadtgruppe des Deutschen Werkbunds zu einer fotografischen Spurensuche, um die Stärken und Schwächen der Landeshauptstadt zu entdecken und dies in anspruchsvollen Fotografien zu dokumentieren.

Das Ergebnis sind vielfältige Momentaufnahmen inklusive kurzer Statements zu positiver Stadtentwicklung, aber auch zu Fehlentwicklungen. Neben temporären Einblicken, Abbruch- und Aufbauszenarien sind Bilder von Plätzen, die keine mehr sind, aber auch Beispiele von der Rückgewinnung des öffentlichen Raums zu sehen. Die Migrationsfrage wird ebenso thematisiert wie Stuttgart – Stadt am Fluss, außerdem übersehene städtische Momente, die Verbildlichung unterschiedlicher Kommunikationsformen im urbanen Raum und viele andere spannende Stadtraumbeobachtungen.
Ergänzt wird die Präsentation durch 24 Fotoarbeiten von zwölf Studierenden der Stuttgarter Akademie der media, die als Neuankömmlinge in der Stadt ganz eigene Sichtweisen und neue Blicke auf Stuttgart bieten.

Passend zum Thema „Stadtraum“ inszenieren Anja Ohliger – Architektin für urbane Interventionen und Szenografie – und der freie Autor und Kurator Christian Holl eine außergewöhnliche Raumgestaltung, die die eingeübte Routine des Ausstellungsbesuchs in Frage stellt. Sie holen den Außenraum der direkten Nachbarschaft des KUNSTBEZIRKS in den Innenraum, irritierendie räumlichen Sehgewohnheiten der BetrachterInnen und schaffen mit graphischen Mitteln eine Raumansicht, die zwischen Illusionismus und Abstraktion changiert.

„Der Außenraum, der Stadtraum wird nicht nur Thema des Ausgestellten, sondern auch Thema der Fläche, auf der die Medien den Stadtraum vermitteln,“

so das Gestalterduo aus Stuttgart und Frankfurt. Ihr Hauptaugenmerk gilt dabei den Ecken des Stadtraums, die sie mit konkreten Zeichen und Bildzitaten in den Ausstellungsraum transferieren.

Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung hat der Werkbund 1927 als Stellungnahme zum Thema „Neues Bauen“ initiiert. Zum 100-jährigen Jubiläum bereitet die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) eine Internationale Bauausstellung IBA 2017–2027 vor. In diesen Kontext bettet sich die Fotoausstellung „STUTTGART – STADTRAUM IN BEWEGUNG?“ ein.

Die IBA -Plattform erarbeitet die zentralen Themen dieser Bauausstellung. Dies impliziert auch hier eine Analyse des status quo von Stuttgart und Region. Beide führen zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit dem Thema „Stadt und Stadtraum“.

Durch die Diskussionen um Stuttgart 21 ist die Gesamtheit der Stadt in den Hintergrund getreten. Die Ausstellung des Deutschen Werkbunds will diese wieder ins Blickfeld rücken und den Diskurs um Stadtraum und Stadtgestaltung kritisch aber auch positiv und zukunftsgerichtet neu beleben.

Aufgegriffen und vertieft wird das Thema auch mit einer Diskussionsveranstaltung

am Freitag, dem 9. Dezember um 19 Uhr.

 Podiumsdiskussion im Kunstbezirk, 19 Uhr, mit Prof. Dr.-Ing. Anke Karmann-Woessner, Amtsleitung Stadtplanungsamt Stadt karlsruhe; Harry Walter, Künstler Philisoph, Querdenker; Christian Holl, frei04, Architekt, Architekturjournalist, Literat; Moderation Jörg J. Berchtold.

 Thema ist der Inhalt, die Aussage und die Bedeutung der Ausstellung bezüglich der Stadt Stuttgart.

Welche Impulse für zukünftiges Handeln könnte man daraus ableiten?

Jeder Interessierte ist willkommen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch, das alle ausgestellten Fotoarbeiten mit den Statements veröffentlicht und das Thema „Stuttgarter Stadtraum“ durch Beiträge von Autoren und Autorinnen von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Kuratiert wird die Ausstellung von Jörg J. Berchtold, Frank Huster, Wolfram Janzer und Andrea Schultz aus der Stadtgruppe Stuttgart des Deutschen Werkbunds Baden-Württemberg DWB.

Der Katalog zur Ausstellung ist in der AV-Edition erschienen. Er ist im KUNSTBEZIRK erhältlich. 

 

Presseschau

 

Das schreibt AMBER SAYAH in den Stuttgarter Nachrichten vom 07.12.2016

Soll er gehen? Soll er stehen?

Fotografen auf Spurensuche in Stuttgart: Die Ausstellung „Stadtraum in Bewegung“ im Kunstbezirk.

Die Stadt verändert ihr Gesicht. Aufnahmen von vierzig Fotografen dokumentieren den Wandel in seiner ganzen Vielfalt in einer sehenswerten Schau , die der Werkbund im Kunstbezirk initiiert hat.

 Gebautes bewegt sich nicht – daher der Name Immobilie. Aber Stuttgarter wissen Bescheid. In einer Stadt, in der die normalen Verhältnisse sich gerade umkehren, ist das Automobil durch schiere Masse zunehmend zum Stillstand verdammt, während der Stadtraum munter in der Gegend herumwedelt. Große Kreuzungen im Innenstadtbereich ändern nahezu im Wochenrhythmus ihren Verlauf, so dass Autofahrer sich im Schnittmuster-Wirrwarr weißer und gelber Fahrbahnmarkierungen andauernd vor Rätsel gestellt sehen. Lost in Transition.

Wo gestern noch vertraute Gebäude standen, klaffen heute vom Bagger gerissene Lücken und erheben sich morgen Neubauten, die man sich weder merken kann noch will. Ihre Haltbarkeitsdauer überschreitet gefühlt ohnehin kaum mehr die eines Joghurts. Altstadtreste hat es schon nach dem Krieg hinweggerafft, „inzwi- schen ist man längst beim Austausch der Neuzeit angekommen“, konstatierte der Architekturkritiker Wolfgang Bachmann in seiner Eröffnungsrede zur Fotoaus- stellung „Stuttgart – Stadtraum in Bewegung“. Ein Architekturführer gehöre bei seinem Erscheinen im Prinzip bereits ins Moderne Antiquariat, so schnell, wie sich hier alles verändere.

Diesem rasanten Austauschprozess widmet sich denn auch ein Großteil der Bilder in der vom Werkbund initiierten Schau im Kunstbezirk. So hat Frank Paul Kistner in schwarzweißem Panoramaformat dokumentiert, wie das Gebäude der WKV-Versicherungen am Österreichischen Platz während des Abbruchs zu einem „apokalyptischen Wrack“ mutierte. Auf den Farbaufnahmen von Renate Hoffleit sieht man die ganze Verwüstung am Bahnhof: demolierte Seitenflügel, mit Baum- stümpfen durchsetzte Ödnis, Absperrungen. Michael Kimmerle und Sabine Kock haben unabhängig voneinander in sehr einfachen Bildern Werbeslogans an Bau- zäunen in der Königstraße fotografiert: „Hier entsteht etwas Schönes“, heißt es da zum Beispiel – in Wirklichkeit kündigt sich nur die nächste Großfiliale einer glo- bal operierenden Billigklamottenkette an. Rose Hajdu widmet sich den „temporären Fenstern“, die sich durch vorübergehende Baulücken im Stadtbild auftun und ganz neue Ausblicke auf Stiftskirche und Markthalle gewähren, Michael B. Frank zeigt, wie sich die Blechkolonnen auf umgeleiteten Wegen um die allgegenwärtigen Baustellen schlängeln.

Es gibt auch die Fotografen, die das Thema Bewegung als Bewegung im Raum interpretieren, was sich meistens in Unschärfen ausdrückt: fahrende S-Bahnen bei Ralph Klohs, Rolltreppen an U-Bahnhaltestellen mit den im Ausstellungskontext geradezu metaphorisch zu verstehenden Aufschriften „Gehen“ und „Stehen“ bei Robin Weidner. Migration, die ja ebenfalls eine in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Form von Bewegung ist, sprechen erstaunlicherweise nur Kai Loges und Andreas Langen mit Fotos von „Little Istanbul“ in Feuerbach an. Den (versteckten) Schönheiten der Stadt schließlich huldigen Thomas Heger, der den banalsten Ecken poetische, gleichsam schwebende Schwarzweiß-Aufnahmen abgewinnt, und Hubert Vollmer mit Bildern, auf denen der Industriehafen am Neckar im Son- nenlicht überirdischen Gold- und Silberglanz entfaltet.

Es mag am Thema gelegen haben, dass die meisten Teilnehmer dieser auf einem Aufruf des Werkbunds basierenden fotografischen „Spurensuche“ den „Stadtraum in Bewegung“ dokumentarisch auffassen. Zu Formspielereien, gar -experimenten schienen die wenigsten aufgelegt zu sein.

Umso erfrischender Julian Salamons „Schichten“: Der Fotograf hat die Phalanx der Aufzugtüren im Kollegiengebäude I der Stuttgarter Universität auf allen neun Stockwerken abgelichtet und die Aufnahmen in schmalen Streifen übereinander montiert. Dieser vertikalen Bewegung im Raum entspricht die horizontale Abfolge der Stuttgarter U-Bahnhöfe, die allerdings – logisch inkonsequent – im Bild ebenfalls gestapelt wurden. Die „Ecken der Stadt“ schließlich, eine Installation von Christian Holl und Anja Ohliger, holen die unmittelbare Umgebung des Leonhardsviertels in einer gewitzten Verdoppelung inklusive Brunnenwirt-Ausschank in die Ausstellungsräume des Kunstbezirks.

Und was ist nun mit dem Stadtraum? Soll er gehen? Soll er stehen? Erstarrung kann niemand wollen, diesen irren Veränderungsdruck aber auch nicht. Wolf- gang Bachmanns Eröffnungsrede zitiert dazu den altersweisen Architekten Volkwin Marg: „Wir dürfen die Gestaltung unserer natürlichen Umwelt nicht aufgeben, sondern müssen sie nur viel problembewusster mit mehr Rücksicht auf absehbare Kollateralschäden betreiben.“ Hinzuzufügen wäre, dass dem Wandel allmählich eine Zukunftsidee zugrunde zu liegen hätte, wie wir hier eigentlich leben wollen, wenn die Stadt nicht irgendwann nur noch ein zufalls- und profitgesteuerter Hau- fen von Einzelobjekten im Feinstaub sein soll.

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